Yeay-Gründerin Melanie Mohr wird in der Branche gefeiert als "Teenie-Flüsterin" (Credit: Yeay)

Yeay-Gründerin Melanie Mohr ist davon überzeugt, dass die nächste Generation von Kunden mit dem Online-Handel, wie wir ihn heute kennen, nicht glücklich werden wird. Mit Yeay will die „Teenie-Flüsterin“, wie der „Focus“ sie in einem Artikel nannte, einem völlig neuen Konzept zum Durchbruch verhelfen – ausschließlich mobil und mit der Hilfe von Videos. Best-of-Commerce.de hat sie zu ihren Ideen und bisherigen Learnings befragt.

Melanie, erkläre doch mal kurz, was ist Yeay?

Melanie Mohr: Yeay ist eine Mobile-Commerce-Plattform, die sich erstmals gezielt an die Generation Z richtet, also die Generation, die zwischen 1995 und 2010 auf die Welt kam. Die meisten anderen Commerce-Plattformen sind eher auf Millenials und noch ältere Kunden ausgerichtet. Der zweite große Unterschied bei uns ist, dass wir unsere Produkte ausschließlich mithilfe von Videos verkaufen und nicht mit Bildern und Text. Beide Punkte sind, gerade wenn man sich auf Teenager konzentriert, sehr wichtig. Mobile ist die Technik, die von Teenagern am meisten genutzt wird. Und ein Medium wie Video spricht diese Digital Natives und Natural Born Storytellers am besten an. Die Gen Z weiß, wie man Videos kreiert, die macht das täglich auf Snapchat und Instagram Stories. Da lag es für mich auf der Hand, Video, Mobile und Shopping auf einer Plattform zu verbinden.

Eigentlich komisch, dass vorher niemand auf diese Idee kam.

Mohr: Naja, wie immer, wenn Dinge so einfach aussehen, stellt sich schnell heraus, dass sie so einfach nun auch nicht sind. Wer die innovative Vorfront bildet, steht vor Hürden, die man anfangs gar nicht gesehen hat. Eine solche Hürde ist Payment. Teenager haben oft keinen eigenen Bank-Account, sondern müssen die Eltern bezahlen lassen oder deren Kreditkarte oder Paypal-Account benutzen. Wir sind ja eine Mobile-First-Plattform. Das heißt, der komplette Kaufprozess findet innerhalb von iOS oder Android statt. Allerdings hat sich gezeigt, dass die Eltern damit überfordert waren, unsere App zu laden, wenn sie von ihren Kindern einen Link zu einem Produkt bekamen, das diese gerne kaufen würden. Also haben wir extra für die Eltern einen Webshop gebaut, in dem der Kauf abgeschlossen werden kann. Wenn die Teenager heute mit ihren Eltern ein Video teilen, erscheint sofort ein Pop-Up-Fenster, dass die Eltern das Produkt kaufen können, wo auch immer sie sind.

Hat die Generation Z denn überhaupt so viel Geld, dass sich eure Plattform lohnt?

Mohr: In den USA gibt es Statistiken, wonach den Teenagern im Jahr 2020 44 Milliarden Dollar zur Verfügung stehen. Man kann also nicht sagen, dass die kein Geld haben. Sie haben nur meist noch kein Bankkonto, sondern lassen die Eltern bezahlen. In diesem Punkt sind Fintechs gefragt. Außer einigen Peer-to-Peer-Services gibt es in diesem Bereich noch keine wirklich gute Lösung. Außerdem darf nicht unterschätzt werden, welchen Einfluss diese Generation auf die Kaufentscheidungen ihrer Eltern hat. Deswegen verfügt die Gen Z eigentlich sogar über mehr Finanz-Power als die Millenials.

Ihr habt das Ohr ganz nah bei den jungen Kunden. Was erwarten die sich denn eigentlich für ein Einkaufserlebnis?

Mohr: Wir lernen da tatsächlich jeden Tag dazu. Zusammen mit den Teenagern veranstalten wir jede Woche in Europa und den USA Labs mit Teenagern, um unsere Plattform in jeglicher Hinsicht auf diese junge Zielgruppe zuzuschneidern. Wir wollen als erste hören, was diese Kunden möchten, welche Funktionalitäten sie sich in der App erwarten, was sie brauchen, um einen Kauf abzuschließen und letzten Endes auch, was sie überhaupt kaufen wollen. In dieser Hinsicht fungieren wir inzwischen sogar als Trendforscher. Als diese Fidget-Spinner rauskamen, gab es die bei uns auf der Plattform schon Wochen und Monate, bevor sie in den Medien bekannt wurden. Und was auch spannend war: Die ersten Verkäufer – neben den Teenagern – waren professionelle Hersteller aus China. Das war der Moment, wo wir beschlossen haben, eine chinesische Sprachversion unserer App herauszubringen.

Was hört ihr denn nun konkret in eurem Lab?

Mohr: Ein ganz großer Wunsch der Teenager ist es, inspiriert zu werden. Und das gibt es im E-Commerce ja meistens eher nicht. Inspiriert wird man eher, wenn man einen Schaufensterbummel in der Stadt macht oder durch die Läden schlendert. Oder auf irgendwelchen Social-Media-Plattformen, die über tolle neue Mode berichten. Wir wollen mit unseren Videos den Inspirationsfaktor erhöhen. Über die Einfachheit von Payment haben wir gerade schon gesprochen. Und dann haben wir gelernt, dass viele Teenager, die über uns eigene Sachen verkauft haben, beispielsweise eine Jacke oder ein T-Shirt, wahnsinnig gerne wieder Videos produzieren würden, aber einfach nicht genug eigene Sachen zum Verkaufen haben. Die bringen wir künftig mit Brands zusammen, die gerne über uns verkaufen wollen, aber für die tägliche Video-Produktion keine Kapazitäten haben. Wir öffnen also quasi Affiliate-Marketing und Influencer-Marketing für jeden. Wer als Teenager für einen bestimmten Sneaker brennt und ihn für sich vielleicht gerade gekauft hat, kann künftig ein Video auf unsere Plattform laden. Und das bringen wir dann mit dem Inventar von Brands zusammen. Der Teenager verdient bei jedem über sein Video verkauften Produkt mit, hat aber mit der ganzen Logistik nichts zu tun. Und bei 200 bis 500 Freunden, die heute jeder Teenager auf Instagram und in anderen Social Networks hat, kommt da einiges zusammen.

Den Teenager zuzuhören, ist das eine, die Umsetzung etwas ganz anderes. Wie geht ihr vor, um eure Plattform kontinuierlich zu optimieren?

Mohr: Wir haben in unserem Development einen Zwei-Wochen-Sprint. Das heißt: Alle zwei Wochen bringen wir ein neues Update der App heraus. Das ist irre. Früher lagen wir bei acht Wochen. Wenn wir auf unserer Plattform sehen, dass Dinge gut funktionieren oder gar nicht, können wir sofort darauf reagieren. Auch der Rest des Unternehmens arbeitet sehr agil – und manchmal auch chaotisch kreativ. Wir haben beispielsweise vor kurzem festgestellt, dass plötzlich ganz viele junge russische Streetwear-Designer auf unsere Plattform kamen und viel kreativere Videos produzierten als viele europäische Marken. Also habe ich schnell eine russische Sales-Managerin eingestellt, die jetzt für uns den russischen Markt sondiert und neue Marken akquiriert.

Apropos Marken: Mit einigen namhaften Brands wie beispielsweise Asics, Libratone, Humana oder auch der Sex-and-the-City-Designerin Patricial Field arbeitet ihr inzwischen erfolgreich zusammen. Welche Möglichkeiten gibt es denn da?

Mohr: Zum einen können Marken bei uns einen eigenen Brand-Channel eröffnen. Das ist ein eigener gebrandeter Kanal, ähnlich wie bei Youtube. Die Brands können ihre eigenen Videos hochladen und Fans können dem Kanal folgen. Die zweite Möglichkeit ist die Zusammenarbeit mit Influencern. Die stellen dann ihre Lieblingsprodukte vor und die Teenager können sie kaufen. Die dritte Möglichkeit sind so genannte „Brand Challenges“. Hier werden die Teenager aufgefordert, möglichst kreative Verkaufsvideos für ein Produkt zu drehen – und verdienen wieder bei jedem Verkauf mit. Manchmal erhalten die drei besten Clips auch noch einen Preis. Wer diese Möglichkeit nutzt, sollte allerdings Produkte in ausreichender Stückzahl vorrätig haben. Denn nichts ist ärgerlicher, als wenn Teenager sich die ganze Arbeit umsonst machen.

Kannst du ein bisschen was zu euren Zahlen sagen?

Mohr: Wir liegen inzwischen bei 700.000 Downloads in über 160 Ländern und haben deutlich über 100.000 aktive Nutzer. 42 Prozent der Nutzer kommen aus Europa, 33 Prozent aus den USA. Die restlichen 25 Prozent verteilen sich auf alle Teile der Welt. Was uns besonders freut, ist, dass sich immer mehr Leute für die App registrieren. Anfang des Jahres lag die Quote noch bei 20 Prozent, heute liegen wir bei 60 Prozent. Die Leute registrieren sich, weil sie alle entweder kaufen oder verkaufen wollen oder sozial interagieren wollen. Nur Videos könnte man sich auch ohne Registrierung anschauen.

Welche Vision hast du für Yeay?

Mohr: Wir sind nicht angetreten, um nur einen weiteren Marktplatz oder eine weitere Commerce-Plattform zu starten. Wir wollen ein Phenomenon kreieren und in den nächsten fünf Jahren zur Nummer-Eins-Shopping-Plattform für die Gen Z oder eine jüngere Zielgruppe sein. Und das weltweit. Das ist durchaus ambitioniert.

(Credit: Yeay)